Die Kunst den Schmerz zu fühlen

Es ist wohl ein Phänomen unserer Zeit, dass wir mit negativen Emotionen nicht umgehen können. Weder mit unseren eigenen noch mit denen der anderen. Es macht uns Angst oder es ist uns ungenehm, wenn wir uns schlecht fühlen oder der andere denn laut aktueller sozialer Norm, ist Schlechtdrauf-sein total out.

Wir leben in einer Zeit, in der wir einfach immer ultra-cool daherkommen. Niemals schlecht drauf, immer lächelnd wie ein Honigkuchenpferd auf Ecstasy. Wenn Menschen in unserer Umgebung schlecht drauf sind, reagieren wir entweder mit Abneigung oder mit Ratschlägen. Beides bringt dem jenigen, der gerade traurig, wütend oder müde ist, nichts. Gar nichts. Im Gegenteil.

Letztens hatte ich einen schlechten Traum, in der Früh war ich deshalb ziemlich down. Die Akteure meines Traums und die schlussendliche Wendung waren irritierend, denn die Erfahrung im wirklichen Leben mit diesen Akteuren war schmerzhaft. Am nächsten Morgen wollte ich meinen Traum meiner Yoga-Kollegin erzählen. Also begann ich und kam nicht weiter als bis zum ersten Satz, denn sie unterbrach mich postwendend und meinte, ich solle mir unbedingt Guru xy auf Youtube anhören.

Hä?

Hätte ich nicht meine eigenen Techniken (Shake & Release, Körperentpanzerung) und Freunde, die mir zuhören, würde ich wahrscheinlich in kürzester Zeit verrückt werden, wenn ich niemals den Raum bekäme, mir einfach mal meinen eigenen Bockmist von der Seele zu sprechen. Denn ich habe schon oft gemerkt, wenn ich meinen eigenen Bockmist erzähle, wie bescheuert meine eigenen Gedanken manchmal sind. Wie verdreht meine Wahrnehmung oder mein Empfinden sind. Der andere muss in dem Moment gar nichts sagen, er hört einfach nur zu. Gibt mir den nötigen Raum meine Gedanken und Gefühle zu sortieren. Meine Gedanken und Gefühle entladen sich und es geht mir besser.

Ich meine, dass die Fähigkeit und Bereitschaft unseren Mitmenschen zuzuhören und sie ihren Schmerz fühlen zu lassen und auszudrücken, sich in unserer ultra-coolen und ach-so-professionellen Gesellschaft gegen Null neigt. Sofort gibt es eine scheinbare Lösung, die natürlich für jeden passt oder man stößt auf Desinteresse oder gar Ablehnung. Dieses Phänomen macht leider auch nicht vor Yogaleuten halt. Es ist eine unaufhaltsame Epidemie des ständig Positiv-Denkens oder Vermeidens.

Mich wundert es nicht, dass die Menschen depressiv werden und sind. Wenn ein Mensch nicht die Möglichkeit hat, sich ausdrücken, sich den Schmerz von der Seele zu reden, wo soll denn der Schmerz dann hingehen? Soll er sich in Luft auflösen? Mit „tollen“ Ratschlägen oder Ignoranz? Das Problem ist, kann sich jemand seinen Schmerz nicht von der Seele sprechen, bleibt er genau dort. Der Schmerz wird hineingefressen, niedergedrückt (depressed) und wird mit der Zeit größer, neue Schmerzen kommen dazu und irgendwann endlädt sich der ganze Schmerz in einer fetten Depression oder einem Burnout.
Jeder Schmerz – körperlich oder emotional – sollte einfach als das betrachtet werden, was er ist: ein Warnsignal des Körpers, das etwas nicht stimmt, das der Körper sich von etwas befreien möchte. Der Körper strebt immer danach, sich von Ballast zu befreien und gesund zu bleiben. Nur der Mensch nimmt ihm diese Möglichkeit.
Auf energetischer Ebene wir ein nicht aufgelöster Schmerz zu einer Blockade, die unsere Lebensenergie (Kundalini) und Lebensfreude blockiert. In einem blockierten Körper kann keine Energie fließen, sie sitzt fest. Dies äußerst sich dann im Laufe der Zeit als Depression, Burnout, etc.

Dann kommt der Arzt und verschreibt dir flott ein paar Pillen, denn du musst ja bald wieder fit und glücklich werden. Nur die Pillen machen gar nichts. Sie heucheln dir nur einen lustig-fröhlichen Zustand vor, doch der Schmerz bleibt untendrunter bestehen. Er lastet weiterhin auf deiner Seele. Du fühlst dich bedrückt. Der Schmerz hat überhaupt keine Möglichkeit sich zu entladen. Und sobald du mit den Pillen aufhörst, kommt der ganze Mist wieder hoch. Ein Teufelskreis.

Psychotherapeuten verdienen ihr gutes Geld damit, eben genau diesen Menschen zuzuhören und sie wieder aufzurichten, denen sonst keiner zuhören will.
Wie armselig und herzlos ist doch unsere Gesellschaft.

Ich denke, dass es uns allen und unserer Gesellschaft wesentlich besser ginge, wenn wir lernen dem anderen zuzuhören, ihm Raum für seinen Gedanken und Gefühle geben, Gefühle zu fühlen bis sie keinen Schmerz mehr verursachen, Weinen lassen bis alle Tränen getrocknet sind.
Einfach nur still und tröstend Raum geben für das was da ist und raus möchte.

 

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